Eigenverantwortliche Einreibetechnik
Die eigenverantwortliche Einreibemethode ist ein Verfahren zur hygienischen Händedesinfektion. Im Gegensatz zur klassischen 6-Schritte-Methode nach der Norm EN 1500 verzichtet sie auf eine starr vorgegebene Abfolge von Bewegungsabläufen. Der Fokus liegt stattdessen auf der vollständigen Benetzung der gesamten Hautoberfläche der Hände mit dem Desinfektionsmittel.
Prinzip der Eigenverantwortlichkeit
„Eigenverantwortlich“ bedeutet, dass Anwenderinnen und Anwender die Händedesinfektion bewusst durchführen und das Ergebnis aktiv im Blick behalten. Maßgeblich ist nicht das bloße Abarbeiten einzelner Bewegungen, sondern die vollständige Benetzung der Hände.
- Zielsetzung: Das primäre Ziel ist es, Benetzungslücken zu vermeiden und eine zuverlässige Keimreduktion zu erreichen.
- Individuelle Ausführung: Da starre Bewegungsabläufe in der Praxis häufig fehleranfällig sind, überlässt diese Methode die genaue Bewegungsausführung dem Anwender.
- Besonderer Fokus: Hauptkontaktstellen und Bereiche mit häufigen Benetzungslücken müssen besonders intensiv eingerieben werden.
Durchführung und Erfolgsfaktoren
Bei der eigenverantwortlichen Einreibemethode steht die lückenlose Benetzung im Mittelpunkt. Die Technik wird so gewählt, dass beide Hände während der angegebenen Einwirkzeit vollständig mit Händedesinfektionsmittel benetzt bleiben.1 2
- Trockene Hände: Das Händedesinfektionsmittel wird auf trockene Hände gegeben, damit es nicht durch Wasser verdünnt wird.
- Ausreichende Menge: Es werden mindestens 3 ml Händedesinfektionsmittel verwendet. Als praktische Orientierung gilt die Menge, die in eine Hohlhand passt.
- Vollständige Benetzung: Das Mittel wird so verteilt, dass Fingerspitzen, Nagelfalze, Daumen, Fingerzwischenräume, Handinnenflächen, Handrücken und Handgelenke erreicht werden.
- Kritische Bereiche: Bereiche, an denen häufig Benetzungslücken entstehen, werden besonders intensiv eingerieben (z. B. Fingerkuppen, Nagelfalze und Daumen).
- Einwirkzeit: Die vom Hersteller angegebene Einwirkzeit wird eingehalten. Während dieser Zeit müssen die Hände feucht bleiben.
- Abschluss: Nach Ablauf der Einwirkzeit werden die Hände nicht abgetrocknet. Das Präparat trocknet an der Luft.
Abgrenzung zur 6-Schritte-Methode
Die klassische 6-Schritte-Methode beruht auf einer festgelegten Bewegungsabfolge. Sie ist aus der Prüfmethode nach EN 1500 bekannt und kann für Schulungen hilfreich sein.
Die Aktion Saubere Hände weist jedoch darauf hin, dass die DIN EN 1500 eine Prüfmethode für Händedesinfektionsmittel ist und keine verbindliche Anleitung für die Einreibetechnik im Alltag.3 Eine festgelegte Bewegungsabfolge führt nach dieser Einordnung nicht automatisch zu einer sicheren Vermeidung von Benetzungslücken.
Studienlage
Eine häufig zitierte Studie von Kampf et al. verglich 2008 verschiedene Einreibetechniken mit fluoreszierendem Farbstoff und UV-Licht. Die „responsible application“, also eine eigenverantwortliche Applikation ohne feste Schrittfolge, erreichte eine mindestens vergleichbare Handbenetzung wie die klassische 6-Schritte-Technik. Die Autoren folgern, dass eine hochwertige Händedesinfektion 30 Sekunden benötigt und eigenverantwortliche bzw. angepasste Techniken praxistauglich sein können.4
Eine weitere Studie von Sakmen et al. aus dem Jahr 2019 untersuchte Medizinstudierende und verglich die 6-Schritte-Methode mit einer eigenverantwortlichen Desinfektion. Direkt nach der Schulung zeigten sich keine signifikanten Unterschiede. Bei späteren Messzeitpunkten schnitt die eigenverantwortliche Methode jedoch teilweise besser ab, insbesondere bei der Verteilung des Desinfektionsmittels auf den Händen.5
Empfehlungen
Die Aktion Saubere Hände ordnet die klassische 6-Schritte-Methode ausdrücklich als Prüfmethode nach DIN EN 1500 ein und nicht als verbindliche Anleitung für die praktische Einreibetechnik im Alltag. Nach dem Positionspapier führt eine festgelegte Bewegungsabfolge nicht automatisch dazu, dass Benetzungslücken sicher vermieden werden. Empfohlen werden daher vor allem Schulung, ausreichende Produktmenge, vollständiges Einreibung und besondere Aufmerksamkeit auf Bereiche mit häufigen Benetzungslücken.6
Die S2k-Leitlinie „Händedesinfektion und Händehygiene“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) stützt diesen Ansatz. Für die Bewegungsabfolge nach DIN EN 1500 ist kein Vorteil gegenüber einer selbst gewählten Einreibetechnik nachgewiesen.7
Bedeutung für Schulung und Training
Der Wechsel zur eigenverantwortlichen Einreibemethode erfordert im Gesundheitswesen ein Umdenken in der Schulung, das den Fokus von starren Bewegungsabläufen auf Problembewusstsein und den tatsächlichen Schutzeffekt verlagert. Moderne Schulungsansätze konzentrieren sich darauf, ein Gespür für kritische Areale, die korrekte Menge sowie die Feuchthaltezeit des Desinfektionsmittels zu vermitteln, was die Akzeptanz und Compliance des Personals steigert.
Visuelles Feedback ist dabei besonders hilfreich, weil Benetzungslücken unmittelbar sichtbar werden. So lässt sich überprüfen, ob die persönliche Reihenfolge zuverlässig funktioniert und alle relevanten Hautbereiche erreicht werden.
Fachliche Empfehlungen von KRINKO/RKI, WHO und Aktion Saubere Hände stützen diesen Fokus auf vollständige Benetzung und praktische Schulung.
Quellen:
- Aktion Saubere Hände, Wissenschaftlicher Beirat: Positionspapier „Einreibemethode“. Verabschiedete Version vom 30.09.2011. Zugriff am 11.06.2026.
https://www.aktion-sauberehaende.de/files/public/fileadmin/ash/download-Material/Positionspapiere-Literatur/03-ASH_Positionspapier_Einreibemethode_30092011.pdf ↩︎ - Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH): S2k-Leitlinie „Händedesinfektion und Händehygiene“. AWMF-Register-Nr. 075-004, Version 4.0, Stand: 03.02.2023. Zugriff am 11.06.2026.
https://register.awmf.org/assets/guidelines/075-004l_S2k_Haendedesinfektion-und-Haendehygiene_2023-09.pdf
↩︎ - Aktion Saubere Hände, Wissenschaftlicher Beirat: Positionspapier „Einreibemethode“. Verabschiedete Version vom 30.09.2011. Zugriff am 11.06.2026.
https://www.aktion-sauberehaende.de/files/public/fileadmin/ash/download-Material/Positionspapiere-Literatur/03-ASH_Positionspapier_Einreibemethode_30092011.pdf ↩︎ - Kampf G, Reichel M, Feil Y, Eggerstedt S, Kaulfers PM: Influence of rub-in technique on required application time and hand coverage in hygienic hand disinfection. BMC Infectious Diseases. 2008;8:149. DOI: 10.1186/1471-2334-8-149.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18959788/ ↩︎ - Sakmen KD, Sterz J, Stefanescu MC, Zabel J, Lehmann M, Ruesseler M: Impact of the teaching method of the rub-in technique for learning hygienic hand disinfection in medical studies: a comparative effectiveness analysis of two techniques. GMS Hygiene and Infection Control. 2019;14. DOI: 10.3205/dgkh000332.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31815090/ ↩︎ - Aktion Saubere Hände, Wissenschaftlicher Beirat: Positionspapier „Einreibemethode“. Verabschiedete Version vom 30.09.2011. Zugriff am 11.06.2026.
https://www.aktion-sauberehaende.de/files/public/fileadmin/ash/download-Material/Positionspapiere-Literatur/03-ASH_Positionspapier_Einreibemethode_30092011.pdf ↩︎ - Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH): S2k-Leitlinie „Händedesinfektion und Händehygiene“. AWMF-Register-Nr. 075-004, Version 4.0, Stand: 03.02.2023. Zugriff am 11.06.2026.
https://register.awmf.org/assets/guidelines/075-004l_S2k_Haendedesinfektion-und-Haendehygiene_2023-09.pdf
↩︎
Plakat: „Eigenverantwortliche Einreibemethode“ basierend auf S2k-Leitlinie „Händedesinfektion und Händehygiene“, Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, 2023.
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Plakat herunterladen (PDF):
• DE: Plakat „Eigenverantwortliche Einreibemethode“
• EN: Plakat „Eigenverantwortliche Einreibemethode“

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